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Gute Mundgesundheit = starkes Immunsystem?

Zahnpflege

Expertenstandard zur Förderung der Mundgesundheit in der Pflege – aktiv für ein starkes Immunsystem

Dieser Expertenstandard ist lang erwartet. Jede Pflegekraft, die Menschen im höheren Alter betreut, weiß wovon ich spreche: Es steht nicht gut um die Mundpflege bei Menschen im höheren Alter.

„Mundpflege durchführen“ bedeutet für viele Pflegekräfte häufig Prothesenpflege und vielleicht noch den Mund mit Mundwasser ausspülen. Und die Erklärung für nicht erfolgte Mundhygiene von Pflegekräften „er/sie möchte das nicht bzw. öffnet den Mund nicht“ höre ich allenthalben. Haben Sie eine andere Sichtweise, fein.

Mund- und Zahnpflege für Menschen im höheren Alter ist ein Herzensthema – hier ein Positivbeispiel:

  • vor 8 Jahren haben wir: Mitarbeiter + sozialpädagogische Leitung + ich durch Seminardurchführung, in einer Einrichtung der Eingliederungshilfe elektrische Zahnbürsten eingeführt – ca. 80% der Bewohner tolerierten es
  • die Mitarbeiter mussten erst einmal lernen, eine Zahnbürste ANGENEHM für einen anderen Menschen zu führen – sonst entsteht keine Akzeptanz. Und da dort alle neuen Mitarbeiter nicht in die Technik eingeführt werden, es an sich nicht erfahren können und daraus lernen (Personalmangel), sinkt die Rate der Zahnbürstennutzung wieder massiv.

Andere Beispiele: wenig Pflegekräfte kennen die Zahnbürste mit begleitender Absaugfunktion für Menschen mit Schluckstörungen bzw. dementieller Entwicklung + Kognitionsverlust. Angehörige sind suboptimal beraten. Der Mundgeruch wird häufig erst besser, wenn der alte Mensch keinen Zahn im Mund hat.

Und das sind nur Beispiele, die viele schon so erlebt haben – Vorwürfe meinerseits sind damit auf gar keinen Fall verbunden, einfach die Dokumentation meiner Beobachtungen – auch in der Praxisanleitung/Evaluation.

  • Doch welche Menge an Erregern atmet ein Mensch im hohen Alter über Nacht ein bei ungenügender abendlicher Mundhygiene?
  • Menschen mit einem schwachen Immunsystem leiden häufiger an Karies.
  • Kariesbakterien nachts einatmen schwächt das Immunsystem.
  • Was war zuerst da? Karies, Immunschwäche, andere Erreger?

Im Expertenstandard ist dazu zu lesen, ich zitiere: Menschen mit einem Pflegegrad weisen eine deutlich geringere Zahnputzfrequenz und eine geringere Inanspruchnahme zahnärztlicher Dienstleistungen auf, als Menschen ohne Pflegegrad.

Deshalb richtet sich mein Artikel an alle, die mit Mund- und Zahnpflege betraut sind und Lösungen anstreben können.

Denn dieser Expertenstandard hat es in sich – mit vielen guten Ideen und Instrumenten.

Ein Überblick zum Erhalt der Mundgesundheit

Eine gute Anamnese steht vor einer guten Maßnahmenplanung.

  • ob Einrichtungen mit SIS oder mit der herkömmlichen Dokumentation arbeiten – es gilt für diesen Expertenstandard, wie auch für alle anderen evidenzbasierten Entwicklungen in der Pflege, dass die Inhalte sich nicht 1:1 im Strukturmodell wiederfinden müssen.
  • wird mit der SIS gearbeitet, findet sich die Mundgesundheit sowohl im Themenfeld für beeinträchtigte Selbständigkeit und Abhängigkeit von Hilfe wieder, sowie – falls eine Erkrankung besteht – auch bei den krankheitsbezogenen Anforderungen und Belastungen. Werden bestehende und potentielle Risiken ermittelt, kann dies in der Risikomatrix erfasst ggf. mit einem weiteren, tiefergehenden Assessment verdeutlicht werden.
  • die Expertenarbeitsgruppe für diesen Standard hat sich auch nach erneuter Prüfung darauf verständigt, dass bei jedem Menschen in Pflege und Betreuung ein Versorgungs-Setting durchgeführt werden soll, ob ein pflegerischer Unterstützungsbedarf zum Erhalt der Mundgesundheit besteht.
  • wie bei jedem Risikoassessment, stehen auch hier Vorlieben und Abneigungen der Bewohner im Zusammenhang mit der Mund- und Zahnpflege ganz am Anfang des Assessments

Die Fachkompetenz und die personale Kompetenz der Pflegefachkraft ist gefragt!

Hier die Aufstellung, welche Punkte für ein ausreichendes Assessment beachtet werden sollen: Risiken und Symptome für Probleme im Mundbereich, unzureichende Mund- und Zahnpflege, Gingivitis und Paradontitis (z.B. bei PEG-Sonde), Osteoporose, Kauprobleme, reduzierter Allgemeinzustand, höheres Alter/niedriges Immunsystem, Rauchen, blutgerinnungshemmende Medikamente, Blutdrucksenker, Zytostatika, Medikamente gegen Epilepsie, Antidepressiva, Diuretika, Mundtrockenheit, Diabetes mellitus, Mundgeruch, Zähneknirschen, Schluckstörungen, Störungen der Feinmotorik, Demenz, psychiatrische Erkrankungen mit Störungen der Eigenwahrnehmung, neurologische Erkankungen (Apoplex, M.Parkinson), Nahrungsergänzungsmittel, Ablehnung der regelmäßigen Zahnpflege … ist die Liste vollständig?

Jedoch: nicht bei jedem Problem oder Risiko für die Mundgesundheit besteht auch pflegerischer Handlungsbedarf. Professionelle Einschätzung ist hier notwendig.

Wie in jedem Expertenstandard muss die Einrichtung für die erforderlichen Materialien für Einschätzung und Dokumentation bereitstellen. Das wichtigste Instrument, das auf meine Nachfragen nicht vorhanden ist, eine passende Lichtquelle (Stirn- oder Taschenlampe).

Die Maßnahmenplanung orientiert sich an folgender Struktur

  • Probleme im Bereich Mund, Munghöhle, Zähne
  • Probleme mit dem Zahnersatz
  • Mundtrockenheit und reduzierter Speichelfluß
  • Mundgeruch
  • Unterstützungsbedarf bei der Mund- und Zahnpflege

Das kann nur gelingen, wenn eine Verfahrensregelung zur Förderung der Mundgesundheit bindend für alle Mitarbeiter aufstellt.

  1. Screening und Assessment – Einschätzung der Mundgesundheit und Dokumentation, Zeitrahmen, zielgruppenspezifische Kriterien, Verantwortlichkeiten, schnittstellenübergreifende Verantwortlichkeiten
  2. Schnittstellenmanagement
  3. Auswahl von Information, Beratungs- und Schulungsunterlagen
  4. Vorgehen bei der Durchführung der Mund- und Zahnpflege, Edukation der Mitarbeiter
  5. Evaluationsverfahren und -zeiträume

Sind alle 5 Punkte beachtet, ist die Evaluation der Maßnahmen der nächste Schritt. Auch hier finden drei Aspekte Beachtung:

  • tritt eine Verbesserung der Situation ein, können Maßnahmen beendet werden
  • die Maßnahmen haben die Mundgesundheit nicht verändert – erneutes Assessment führt zu neuen Maßnahmen
  • trotz durchgeführter Maßnahmen verschlechtert sich der Gesundheitszustand – wiederum erneutes Assessment und Anpassung der Maßnahmen oder Hinzuziehen externer Experten

Empfehlungen zur Evaluation

  • Bestandsaufnahme der Mundgesundheit innerhalb der ersten 24 Std. nach Aufnahme
  • Ermittlung des Pflegebedarfs innerhalb der ersten 2 Wochen
  • Erstellen eines pflegerischen Mundpflegeplans
  • In den ersten 6 Wochen: auch der Zahnarzt stellt nach der Bestandsaufnahme einen Mundpflegeplan auf unter Beachtung der Vorlieben und Neigungen und der bestehenden Erkrankungen

Und was bisher nicht beantwortet wurde, kommt im Seminar vor. Denn weiter oben habe ich es schon erwähnt: dieser Expertenstandard hat es in sich – mit vielen guten Ideen und Instrumenten.

Für mehr Wissen

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 Mitarbeiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.