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Liebe und Sexualität im Seniorenheim – 2. oder 3. Frühling?

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Sexualität gehört im gesunden Alter zum Thema „Sich als Mann oder Frau fühlen und verhalten“ – auch wenn die Einrichtung auf SIS umgestiegen ist.

Ganz sicher haben Sie schon Liebespaare im Pflegeheim betreut.

Bei Ehepaaren kann die Liebe 50 Jahre dauern oder auch ganz neu sein. Die beiderseitig empfunde Einheit ist sichtbar oder es flattern Schmetterlinge im Bauch beim Anblick einer bestimmten Person, die neu in die Einrichtung eingezogen ist – z.B. nach dem Versterben des eigenen Ehepartners. Und Sex gehört dazu, ist Teil der Biografiearbeit.

Akzeptieren Mitarbeiter die „Schmetterlinge im Bauch“?

Pflege- und Betreuungskräfte beschäftigen sich häufig nicht damit, winken sogar ab und meinen „die Bewohner sind zu alt, ihre Sexualität zu leben“.

Für eine Übung in Empathie frage ich bei Seminarbeginn dann häufig: „Können Sie sich Ihre Eltern beim Sex vorstellen?“ Darauf höre ich dann die Antwort „besser nicht“.

Diese Reflektion der eigenen Haltung ist auch nur ein erster Versuch, sich zu sich damit auseinanderzusetzen. Natürlich erschwert die Haltung zu diesem Tabuthema zwischen den Generationen die Auseinandersetzung damit. Nichtsdestotrotz streben wir als Mitarbeiter an, dass die Bewohner in unserer Einrichtung ihr Zuhause finden und glücklich sind.

Nicht für jede(n) BewohnerIn gehört auch dazu, die eigene Sexualität zu leben. Es kommt sehr auf die Lebensgeschichte, körperliche Erkrankungen oder auch die Reaktion der Familie zum Thema an.  Öfters jedoch als Sie denken spielt es eine Rolle und häufig wird das Thema von den Mitarbeitern einfach ignoriert. Und zwar so lange, bis ein(e) BewohnerIn ihr Bedürfnis sehr deutlich zeigt. Das kann angemessen oder auch unangemessen geschehen.

1.Schritt im Team: Wir schaffen Verständnisgrundlagen mit der Maslow-Pyramide

Zu den Basisbedürfnissen in der Maslow-Pyramide gehören auch „Sexualität leben“ d.h. Intimsphäre zu wahren, Wünsche ermöglichen, Bedürfnisse wahrnehmen und – wenn notwendig – Angebote für eine Lebbarkeit im Wohnbereich zu machen.

Denn aus der Perspektive der Psychologie ist die Sexualität des Menschen ein primäres Motiv für menschliches Verhalten.

Für Mitarbeiter in der Altenhilfe helfen folgende Gedanken zum besseren Verständnis dieses Antriebs/Bedürfnisses aus der 1. Stufe der Maslow-Pyramide.

Sexualität steht für

  1. Reproduktion: im höheren Lebensalter steht das meist nicht mehr im Vordergrund und bildet mehr oder weniger nur die Erinnerung ab. Themen dazu für Frauen drehen sich häufig um das Mutter-Sein, bei Männern auch und zusätzlich teilen sie ihre Sichtweise auf ihre Manneskraft mit
  2. die Selbstbestätigung, die oft gerade bei Männern („Anmache“) gut sichtbar wird, in der Beschäftigung haben Sie auch immer mal wieder einen „Hahn im Korb“ … da ist der Antrieb bei der kompletten Bewohnergruppe zu beobachten
  3. Aufbau und Aufrechterhaltung von Beziehungen, auch das ist gut zu sehen – auf die eine oder andere Art, angemessen und/oder unangemessen. Die Grenzen sind fließend.
  4. Insgesamt ist die Sexualität ist ein wichtiger Grund für die emotionale Lage eines Menschen, auf welche Art auch immer sie gelebt/nicht gelebt wird. Gerade diese Gefühlsbezogenheit ist ein großes Thema bei der Betreuung von Menschen im hohen Alter.

Ich empfehle einen Pflegestandard „Sexualität in der stationären Pflege empathisch begleiten“ zu implementieren

Bisher habe ich keinen Pflegestandard im Rahmen der Milieutherapie die Integration von Sexualität im höheren Lebensalter beschreibt. Es gibt für jedes schwierige Verhalten einen Pflegestandard, zur Förderung einer gelebten Sexualität nur Ansätze und Beispiele. Grund dafür kann sein, dass sich die Bedürfnisse und Bedarfe zu dem Thema signifikant unterscheiden, wenn die Pflege ambulant stattfindet, stationär – chronisch oder geriatrische Akutstation, eine Demenz-Wohngruppe betrifft oder junge Menschen in der Eingliederungshilfe mit Wohngruppenbetreuung.

So kann – zusammen mit dem Qualitätsmanagement einer Einrichtung und authorisiert – ein Pflegestandard entstehen.

  • Der Aufbau eines Pflegestandards ist allen geläufig: Definition, Grundsätze, Ziele, Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung, Dokumentation, Verantwortlichkeiten.
  • Von Vorteil ist, wenn folgende Punkte beachtet werden:
    • die Senioreneinrichtung soll als ein Lebensort dargestellt werden mit annehmender, freundlicher Haltung und Respekt zum Thema Sexualität im Alter
    • Sensibilität, Diskretion und die Intimsphäre geschützt bleibt
    • die Einrichtung ein Ort bleibt, an dem dieses Thema professionell bearbeitet wird z.B. Mitarbeiter kompetent für ein Beratungs- und Informationsgespräch sind
    • Mitarbeiter – auch neue Mitarbeiter – Schulungen zum Thema bekommen
    • bauliche und räumliche Gegebenheiten optimal gestaltet werden z.B. eine sichere Kommunikationsübermittlung, wenn das Zimmer auf keinen Fall betreten werden soll
    • Kompetenz für Informationsgespräche im Rahmen der Angehörigenarbeit angeboten werden können, für Angehörige, für die Bedarf zum Thema besteht

Kann – aus irgendeinem Grund – das Thema „Sexualität im höheren Alter“ nicht gelebt werden, kommt es u.U. zu

Sexualität und Grenzüberschreitung

Sie bilden oft die sichtbaren „Probleme“ in Einrichtungen der Pflege. Deshalb gehört zur Vollständigkeit des Pflegestandards auch „Sexualität in der Pflege als Grenzüberschreitung“ (pqsg hat dazu einen sehr ausführlichen, recht nutzvollen Standard)

Dazu gehören zwei Elemente:

  • Schutz vor sexueller Gewalt
  • Schutz Anderer vor sexuell unangemessenen Verhalten (Bewohner und Personal)

In der Betreuung von Bewohnern steht der Schutz vor sexuell unangemessenem Verhalten als Vorstufe und Prophylaxe vor dem Schutz vor sexueller Gewalt. Verbale Übergriffe sind leichter einzugrenzen und es ist einfacher, dies früh genug zu reglementieren. Dies geschieht im besten Fall in abgesprochenen, ritualisierten, freundlich-angemessenen Antworten durch das komplette Mitarbeiterteam. Die Kommunikation von Grenzen, das sehr deutliche, freundliche Hinweisen auf die Grenzüberschreitung hilft manchmal dazu, die Situation komplett aufzulösen.

Nicht-Handeln führt zu nichts, im Gegenteil, es fördert eher die sexualisierte Gewaltanwendung. Die findet sich gar nicht so selten auf Wohnbereichen/Stationen mit dementen Menschen. Daher ist es für alle Mitarbeiter wichtig, die Krankenbeobachtung und die Wahrnehmung von Frühzeichen zu verbessern.

„Anzüglichkeiten können aber auch witzig und süß sein“ – O-Ton einer Mitarbeiterin

Generell ist meine Einstellung zur Biografie eines alten Menschen, dass soundsoviele Lebensjahre diese Person geformt haben. So ist ein alter Mann bzw. eine alte Frau kein süßer Opi und keine süße Omi, sondern Menschen mit einer gelebten Biografie. Und männliche Mitarbeiter können sehr wohl von eindeutigen Angeboten aus der Frauenwelt berichten. Primär sind jedoch bei Übergriffen die Männer voran.

Im April 2022 gab es in der ARD-Tagesschau einen sehr guten Bericht zu „Sexuellen Übergriffen zum Pflegepersonal“

Und klar, gibt es im Wohnbereich auch den „Charmeur“, der galant sein früheres Werbeverhalten wiederbelebt hat, dann schmunzeln häufig alle.

Wird dieses Verhalten nicht angemessen beantwortet, kann es (muss nicht) gefährlich werden. Folgendes ist dabei zu bedenken:

  • lassen wir es als Mitarbeiter ins Leere laufen, kann sich der Antrieb verstärken, da der Mensch daraus schließt, sein Verhalten ist angemessen – und klar macht er/sie weiter
  • Bewohner kopieren Gruppenverhalten, welche Botschaft senden wir an die ganze Bewohnergruppe, wenn wir nicht angemessen antworten?
    • Wie sollen z.B. männliche Bewohner (dement und nicht-dement) wissen, wo ihre Grenze ist, wenn sich die Primärpersönlichkeit verändert, alte Verhaltensweisen hochpoppen?
    • Wie sollen die restlichen Bewohner merken, dass wir sie schützen?
    • In einer der vielen Statistiken zur „MeToo“-Bewegung ist zu lesen, dass jede zweite Frau in ihrer Kindheit Bekanntschaft mit „guten Onkels“ gemacht hat. Soll das im letzten großen Lebensabschnitt so weitergehen bzw. noch einmal passieren?

Zur schützenden, komplementären Beziehung zu Bewohnern gehört auf jeden Fall, schon Anzüglichkeiten wahrzunehmen und sofort – freundlich, nicht empört – einzugrenzen.

Denn Empörung der MitarbeiterInnen bedeutet für den Bewohner Unsicherheit.

Den Bewohnern Schutz und auch innere Sicherheit zu bieten, ist unsere Hauptaufgabe.

Wie erreiche wir das?

Im Seminar gibt es viele weitere hilfreiche Hinweise zu Fallstudien aus dem eigenen Heimalltag, Diskussionen, praktische Übungen ggf. auch Kommunikations-Rollenspiele zur Unterstützung der eigenen inneren Sicherheit und Hilfen, im ganzen Team strukturiert einen anderen Umgang mit dem sehr delikaten Thema zu gestalten.

Mein Seminarvorschlag für Mitarbeiter

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 Mitarbeiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.

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