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Die Qualität der praktischen Anleitung von Auszubildenden in der Pflege

Bettenhygiene Praktischen Anleitung

Effektives Zusammenwirken von Praxisanleitern und Pflegekräften in der praktischen Anleitung zum Wohle der Auszubildenden

30% der Krankenpflegeschüler brechen vorzeitig die Ausbildung ab! Wie kann also der hohen Abbruchquote entgegen gearbeitet werden?

Dieses Mal fasse ich ein wirklich heißes Eisen an und berichte aus meiner Dozentensicht was ich zum Thema Ausbildungsqualität in der Pflege im Praxiseinsatz beobachten kann.

Seit 2021 führe ich die jährlichen 24 Std. Auffrischungskurse für Praxisanleiter 3-5x/Jahr durch und in meinen Inhouse-Seminaren spreche ich viel mit Auszubildenden, die in meinen Seminaren sitzen. Diese Wissenssammlung motiviert mich, eine Hilfestellung für die qualitative Verbesserung der Praxisanleitung anzubieten.

Verbesserung Qualität der praktischen Anleitung von Auszubildenden in der Pflege

Im Merkblatt 8 vom Bundesland Hessen zu Pflegeberufe und Ausbildung steht was alle, die an der Ausbildung beteiligt sind, schon wissen:

Die ausbildenden Einrichtungen müssen einen Versorgungsauftrag nach § 108 SGB V (Krankenhäuser), genauso § 71 Abs. 2 und § 72 Abs.1, SGB XI (stationäre Pflegeeinrichtungen), desgleichen § 71 Abs. 1 und § 72 Abs. eins, SGB XI und nach § 37 SGB V (ambulante Pflegeeinrichtungen) haben.

  • Die ausbildenden Einrichtungen müssen entsprechende Kapazitäten bei qualifizierten Praxisanleitungen bereitstellen, um für alle Auszubildenden die gesetzlich vorgegebene 10%-ige strukturierte qualifizierte Praxisanleitung (300 Stunden Zusatzqualifikation) sicherzustellen.
  • Die ausbildenden Einrichtungen müssen die Durchführung Sicherstellung der gesamten zeitlich und inhaltlich gegliederten praktischen Ausbildung durch Kooperationsverträge auf der Grundlage eines Ausbildungsplans (§ 8 PflBG) sicherstellen.

Das ist die Forderung vom Gesetzgeber für eine qualifizierte Ausbildung von Pflegekräften. Dem steht der massive Personalmangel gegenüber, der auch schon vor der Pandemie ein Problem war.  Welche Gründe auch immer bestehen, es gibt massive Ausbildungsprobleme. Und zwar unterschiedlicher Natur.

Lösungsansätze finden!

Zunächst jedoch ist die Situationsanalyse, den Zustand der Ausbildung, die Situation der praktischen Anleitung in der Pflege 2022:

Zitat aus einem Bericht des NDR

Eine Auszubildende, Anfang 50, begonnen hat sie ihre Ausbildung in einem Pflegeheim. Doch dort nahm man sich kaum Zeit für sie, erinnert sie sich. Sie musste wie alle anderen funktionieren und wurde nicht wie eine Auszubildende behandelt, sondern „eigentlich nur als Arbeitstier, als Waschkraft. Das war nicht schön. Aber da ich das von meinen Mitschülerinnen auch schon kannte, und die sehr ähnliche Geschichten erzählt haben, war ich der Meinung, das muss so sein“, nach 4 Monaten war sie (fast) am Ende. Dann kam ein Wechsel und sie blieb.

2015 hat Ver.di bundesweit knapp 3500 Pflegeschüler befragt – vor der Pandemie, wohlgemerkt. Unschwer vorzustellen wie solch eine Befragung 2022 aussehen würde.

Ergebnis: 40% werden als Mitarbeiter voll eingesetzt (hauptsächlich Grundpflege), Zeit für Anleitung in Behandlungspflege bleibt kaum. Und ihre Ausbilder auf den Stationen der Kliniken, die sie eigentlich anleiten sollen, haben allzu oft keine Zeit oder sind von vornherein in anderen Schichten verplant. Statt richtig angeleitet zu werden, laufen die Schüler einfach nur mit. 30% werden immer wieder nach Überstunden gefragt.

Berichte über Unzufriedenheit wie ich sie in den 3 Tagen Auffrischungskurs der Praxisanleiter bzw. von Auszubildenden höre – hier zusammengetragen

Ganz klar höre ich auch begeisterte Auszubildende, die sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung, prozentual verschwindend gering … leider

  • erster Ausbildungseinsatz ist langweilig – andere dürfen schon mehr Schüler im ersten Einsatz sollen natürlich hauptsächlich die Grundpflege lernen, aber sie dürfen im Prinzip alles. Passt es zum Auszubildenden und zum Praxiseinsatz können somit auch alle Behandlungspflegen angeleitet werden. Gefahr bei Personalmangel, immer wieder genannt, wenn keine Zeit für die Anleitung ist, wird Grundpflegeleistung als Arbeitsauftrag verteilt. Was hören Auszubildende, wenn sie ihren Unmut Luft tun? „Wir haben das komplette erste Ausbildungsjahr mit dem Wischeimer in der Hand verbracht“ – was auch nicht hilfreich ist
  • klare Zukunftsperspektiven der Auszubildenden mit dem Wunsch nach Lernen in Akutstationen. Rettungsstelle, OP und Kreissaal sind sehr beliebte Einsatzorte. Sie haben oft Schwierigkeiten die ambulante Pflege oder das Pflegeheim interessant zu finden. Wenn dann auch noch die Praxisanleitung dem Personalmangel zum Opfer fällt, können 300 Std. Praxiseinsatz für alle Beteiligten qualvoll werden.

Große Kluft zwischen Theorie und Praxis

sowohl bei den Lerninhalten und dem Praxiseinsatz, als auch beim Pflegeleitbild und dem normalen Pflegealltag – manche Auszubildende die mit Idealen die Ausbildung beginnen, erleiden einen „Praxisschock“. Die große Lücke zwischen Theorie und Praxis zieht sich bis zur Prüfung, die sich nach den theoretischen Inhalten richtet.

Immer einige Mitarbeiter eines Pflegeteams haben ein Problem mit Schülern, weil diese auch immer ein Stück weit Veränderungen mitbringen. Denn was sie in der Krankenpflegeschule lernen ist der neuste Stand der Pflege-Wissenschaft und die Arbeitsweise der langjährigen Pflegekräfte ist es halt nicht. Das verunsichert/verärgert die meisten Pflegekräfte sie versuchen deshalb die Schüler auszubremsen. alle wissen, wie gute Pflege aussieht, Expertenstandards, Konzeptstandards und Standardpflegepläne helfen für Sicherheit im Tun. Da ist nichts was eine konfrontative Diskussion nötig macht.

Uneinheitliches Vorgehen der anleitenden Mitarbeiter eines Teams, ist ein Schüler einmal „angeeckt“ bei der „richtigen“ Mitarbeiterin steht in der Beurteilung oder wird im Feedbackgespräch ausgetauscht „der Schüler fragt zu wenig, scheint nicht interessiert“ oder „der Schüler fragt zu viel, fühlt sich unterfordert“. Junge Mitarbeiter im ersten Arbeitseinsatz nach der Schulzeit brauchen eine Zeit um sich an ein Gleichgewicht im Arbeitsalltag zu gewöhnen. Verunsicherung durch zu harte Feedbacks verursachen Rückzug.

Fachliche sowie emotionale Überbelastung nach 10 Wochen Theorie sollte die Auszubildende in den Fachbereichen voll mitarbeiten. Hoher Druck der Krankenpflegeschule für die Prüfung, nach Homeschooling und Pandemieausfällen

Enttäuschung der Pflegemitarbeiter in der Pandemiezeit, ein Team ist nie isoliert, gibt es schlechte Stimmung weitet sie sich auf alle aus, Pflegemitarbeiter streiken, beschweren sich zu Überstunden, versuchen die Personalsituation zu kompensieren und „laufen auf dem Zahnfleisch“. Das ist wenig Motivation für Auszubildende. Auch ist die Anleitung dann defizitär, eine Hilfe für gute Anleitung bieten auch Pflegestandards des PQSG.

Jeder einzelne Punkt birgt eine Handlungsaufforderung, die Ausbildung im Praxiseinsatz, die praktische Anleitung zu verbessern

Einige Beispiele möchte ich erläutern. Ich bemühe mich, Ideen in Kürze zu vermitteln, die leicht zu organisieren sind und nicht unbedingt mehr Personal erfordern.

  1. Teammotivation – es kann für alle Teammitglieder die Verantwortung zur Psychohygiene in mehreren Teammeetings besprochen werden
  2. Kommt ein Auszubildender neu in die Station, in den Wohnbereich, bekommt er/sie einen Paten oder auch zwei, die anhaltend Ansprechpartner sind. Sie müssen nicht zwangsweise immer gemeinsam im Dienstplan eingeteilt sein, stehen als Ansprechpartner zur Verfügung wenn es um Vertrauensthemen geht. Dafür bekommen sie pro Arbeitswoche Summe X als Überstunden gutgeschrieben. „Patenschaft“ übernehmen ist freiwillig und es soll sich nur melden, wer Lust dazu hat.
  3. Praxisanleiter und Ansprechpartner in der Krankenpflegeschule treffen sich 1x/Monat direkt oder mittels Zoom für 30 min. mit einem vorbereiteten Fragenkatalog. Je nachdem zur Klärung von Unklarheiten bzw. für eine Besprechung von Auszubildenden mit Herausforderung
  4. Sorgfältige Vorbereitung der Auszubildenden auf den Praxiseinsatz mit allen erwarteten Höhen und Tiefen durch den Praxisanleiter. Bereitmachen für Frustpotential, gleichzeitig mit Angeboten zur Bewältigung.
  5. Durch Praxisanleiter und Pflegekräfte: Krankenbeobachtung als spannende Detektivarbeit anleiten, damit auch periphere Stationen mit Langzeiteinsätzen interessant sein können.
  6. Eine Willkommenskultur für Auszubildende entwickeln mit Ritualen, die zum Team passen, damit Auszubildende verstehen, wie wichtig sie sind. Bei der Einführung werden die Lernfelder im Praxiseinsatz besprochen und gemeinsam mit den Auszubildenden mit einem Zeitrahmen versehen. Damit steigt die Verpflichtung, die Absprachen einzuhalten, denn Anleitung von Behandlungspflege ist nicht nur die Aufgabe der Praxisanleiter, sondern des ganzen Teams.
  7. Es gibt ja das Sprichwort „viele Wege führen nach Rom“, das gilt auch bei Pflegeleistung, oft sind mehrere Lösungsansätze richtig. Demzufolge ist es sehr wichtig, Auszubildende nicht zu verunsichern durch eine starre Haltung, sondern zu vermitteln, dass es ein Reichtum ist, zwischen mehreren Möglichkeiten zu wählen.

Änderungen in der praktischen Anleitung die etwas länger dauern:

  • Nicht jeder kann sein Wissen gut vermitteln. „Lernen zu lehren“ will gelernt sein. Idealerweise sollen alle Mitarbeiter eines Teams die ureigenen Aufgaben vermitteln können. So wie Pflegefachkräfte die Behandlungspflege, Pflegeassistenten die Grundpflege und Betreuer aktivierende Beschäftigung. Meiner Erfahrung nach sind meist 4 UE ausreichend für die Vermittlung. Nach einem halben Seminartag kann der Mitarbeiter den Ablauf einer Praxisanleitung planen, organisieren, vormachen, anleiten, nachmachen lassen und Feedback geben. Mehr ist ja nicht gefragt.
  • Auch für das folgende Thema muss etwas Zeit investiert werden: Teamabsprachen und Teamzusammenhalt. Kostengünstig können Praxisanleiter einen oder mehrere Vorträge (15 min.) aufbauen zum Thema „Junge Menschen frisch von der Schule im ersten Arbeitseinsatz“, Kommunikation mit Auszubildenden der Generation Z, Polarisieren im Team. Im Folgenden tingeln sie danach über die Stationen zur Zeit der Übergabe Früh- zum Spätdienst und zwar so lange, bis jeder die Themen gehört hat und alle Fragen stellen konnte.

Ist das eine unlösbare Hürde? Natürlich denke ich das nicht – es dauert nur etwas, doch damit ändert sich nachhaltig die Qualität der Praktischen Anleitung in Praxiseinsatz.

Zwei Kliniken, die sich schon Gedanken gemacht und Konzepte zur Verbesserung der praktischen Anleitung realisiert haben.

  1. Gut vorbereitet auf den ersten Praxiseinsatz, Klinik Bayreuth

Kurz beschrieben gibt es vor dem ersten Praxiseinsatz ein Trainingslager für 2 Wochen, hier wird praktische Pflegeleistung in Rollenspielen eingeübt – Feedback und Evaluation eingeübt.

  1. Und endlich mal Chef sein: Dachauer Pflegeschüler leiten eine Station

Zehn Tage lang übernehmen die Auszubildenden des Helios Bildungszentrums Dachau/München die Station für Gefäßchirurgie im Amper-Klinikum Dachau.

Meine Seminare zum Thema:

Im Seminar werden wir kleinere Projekte und machbare Änderungen besprechen, damit die Mitarbeiter neue Ideen in der praktischen Anleitung verwirklichen möchten:

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 Mitarbeiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.