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Stereotypien und Demenz – Lösungen im Wohnbereich

Stereotypien und Demenz

Koordinationsverlust und Apraxie – die Unfähigkeit das Wollen in Tun umzusetzen bei Stereotypien und Demenz

Das ist der Kern für das Verständnis des Problems von dementen Menschen, die in diesem Stadium angekommen sind. Die Unfähigkeit das Wollen in Tuen umzusetzen. Ein Experte des DNQP beim Aufbau des Expertenstandards für die Bindung zum dementen Menschen hat es treffend beschrieben: „Es ist wie das Gefühl im Auto Gas zu geben und man hat keinen Gang eingelegt“. Demente Menschen stehen häufig unter Hochspannung – was gut zu sehen ist anhand des Muskeltonus und der Mimik. Stereotypien und Demenz, ein sicheres Zeichen für Stress ist die Verstärkung der Sich-wiederholenden-Handlung bzw. bei verbalen Stereotypien das Erhöhen von Lautstärke und Geschwindigkeit.

Im Rahmen meiner Seminarangebote zur empathischen Versorgung von dementen Menschen komme ich mit Mitarbeitergruppen immer wieder zum Thema Stereotypien und Demenz. Es scheint der schwierigste Teil zu sein – meist in der Nachmittagsversorgung – mit Stereotypien bei Demenz umzugehen, es irgendwie im Stationsablauf für alle Bewohner passend zu integrieren. Unruhe in der Bewohnergruppe und Hilflosigkeit bei den Mitarbeitern finden sich vor allem im teilintegrativen Pflegekonzept, hier leben demente und nicht-demente Menschen in einem Wohnbereich zusammen.

Die Unfähigkeit das Wollen in Tun umzusetzen – Koordinationsverlust und Apraxie

Nutze ich die Stadieneinteilung von Naomi Feil (Validation), gehört die Apraxie zum Verarbeitungs-Stadium III d.h. die Umwelt hat ihren unmittelbaren Reizcharakter verloren. Essenszeiten, Hunger- und Sättigungsgefühl, Kontinenz/Inkontinenz, der direkte Kontakt mit Bezugspersonen, all das ist nicht mehr so wichtig.

Demzufolge ist eine liebevoll gestaltete Begleitung und ritualisierter Bindungsaufbau innerhalb einer Tagesstruktur vom ganzen Team wichtiger, als der enge Bezugskontakt zu einer Einzelperson, wie in vorherigen Demenzstadien.

Jedoch wie immer – Ausnahmen bestätigen die Regel – frühere Bindungen können sehr stark sein und als Erinnerungsinsel klar sichtbar gelebt werden.

Koordinationsverlust – Ursachen und Anzeichen der motorischen Störungen bei Stereotypien und Demenz, kurzgefasst

  • Die Bereiche der Gehirnleistungsstörung bestimmen die Art der motorischen Störung
  • Symptome gibt es auch bei anderen physischen chronischen Erkrankungen (z.B. Apoplex)
  • Medikamentennebenwirkung bei psychotroper Therapie (z.B. Antiepileptika)
  • Verlust verschiedener Sinneswahrnehmungen im Alter (Augen, Ohren, pAVK)
  • Entwicklung dementieller Symptome
  • Inkontinenz gepaart mit Scham und der Versuch rechtzeitig zur Toilette zu kommen

Was ist eine Apraxie?

Apraxie bedeutet Untätigkeit, passives Verhalten – der Mensch verliert die Initiative, möchte nur noch zuschauen, demente Menschen mit Apraxie reagieren nur auf die Umwelt – agieren selbst nicht mehr. Bewegungsabläufe sind noch möglich, können jedoch nicht mehr sinnvoll koordiniert werden. Der Mensch folgt seinen inneren Antrieben. Die Wahrnehmungsfähigkeit – vor allem die emotionale – ist erhalten.

Genauer kann beobachtet werden:

  • Ideatorische Apraxie

Einzelne, alltägliche Bewegungen einer komplexen Planung wie z.B. Brotbestreichen kann nicht mehr sinnvoll koordiniert werden, Nachahmen ist bis zu einem gewissen Grad machbar

  •  Ideomotorische Apraxie

Umsetzung eines Bewegungsplans, alt eintrainierte Handlungen wie z.B. Händewaschen nach dem Toilettengang werden nicht mehr durchgeführt, Nachahmen geht nicht mehr

Handlungsoptionen des Teams bei Stereotypien und Demenz

 Kurz gefasst liegt der Fokus für die Vorgehensweise hauptsächlich auf

  • Umgebungsgestaltung
  • Leben in sozialen Bindungen im Wohnbereich
  • Wahrnehmungsstörungen erkennen und entsprechend förderlich intervenieren
  • Biografie-entsprechende Lösungsmöglichkeiten
  • Überprüfung der Pflegeentscheidungen mittels Standardpflegeplänen zum Thema Demenz beim PQSG

Psychosoziale Interventionen und nichtmedikamentöse Verfahren bei Stereotypien und Demenz

Ich sage es kurz: durch anhaltenden Personalmangel und damit die Konzentration auf das wesentliche Aufgabengebiet einer jeden Berufsgruppe kommt alles zu kurz. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dadurch ist Demenz und Langeweile ein viel größeres Problem als manche denken. In der Apraxie „vertreibt sich der demente Mensch seine Langeweile durch Stimulation von innen“. Viele Mitarbeiter beobachten es, manche verstehen es und versuchen dagegen zu steuern.

Nicht geeignete Maßnahmen sind: Rollstuhl vor den Gruppenfernseher schieben, Radio mit einem gängigen Tagesprogramm laut stellen, den Menschen isolieren oder den Rollstuhl in die laufende Gruppenbeschäftigung schieben. Der Stresspegel steigt nicht nur beim Lautierenden.

Demente Menschen, die noch keine Apraxie haben, vertreiben sich die Langeweile mit Ärgern, Tratschen, Streitgespräche mit anderen Bewohnern, Bindungsaufbau zum Personal durch anhaltendes Einfordern von Pflegeleistung und Bindung, mit der Teilnahme an Gruppen-Beschäftigungsangeboten.

Mehr Personal ist häufig ein schwieriges Unterfangen – aus den unterschiedlichen Gründen. Kurzfristige Lösungen fehlen – langfristige werden helfen … doch auch dazu fehlt mancher Leitung einer Einrichtung die Zeit, da sie die Behandlungspflegeaufgaben übernimmt, weil Personal fehlt.

Eine Maßnahme, der mittelfristig und einfach umsetzbar ist:

Teamsitzungen können alles verändern! Denn fehlende Teamabsprachen sind ein wichtiger Grund an dem gearbeitet werden kann.

In der Pandemie hat es sich in vielen Einrichtungen eingeschlichen, dass Teambesprechungen, Fallstudien zu Bewohnerbelangen – wenn sie überhaupt durchgeführt wurden – ohne die Betreuungsmitarbeiter stattgefunden haben. Das hat zur Folge, dass für die Interventionsaufgaben im multiprofessionellen Team keine Zusammenarbeit stattfindet. Da jedoch jede Berufsgruppe extrem wenig Zeit hat und passende Interventionen geplant werden müssen, ist die Realität: Fehlende Koordination von Interventionen in der Tagesstruktur – ob von der Pflege oder Betreuung geplant – bedeutet mehr Gegeneinander als Miteinander.

Mein sehr passendes Beispiel dazu: Bewohner werden aus der laufenden Gruppenbeschäftigung für Behandlungspflegemaßnahmen – oder den Frisör – herausgeholt. Die Auswirkungen kann sich jeder vorstellen.

Im Rahmen der Zusammenarbeit kann noch viel verbessert werden

– ohne dafür mehr Personal und Zeit zu benötigen. Es gilt mehr Augenmerk auf die Verbesserung der Teamarbeit zu lenken – gerade nach 2 Jahren Notfallinterventionsmodus der Pandemie.

Mitarbeiter stecken noch immer im Notfallinterventionsmodus, da sich die Personalsituation noch nicht groß verändert hat.

Gelingt die Rückführung in einen normalen Pflegealltag, können geplante Interventionen in Zukunft besser laufen – vor allem wenn mehr Sorgfalt auf die Teamarbeit gelegt wird.

Für Mitarbeiter aus Pflege und Betreuung gliedern sich die Aufgaben bei Stereotypien und Demenz in

  1. Psychosoziale Interventionen – Aufgabengebiet auch von Betreuern und Alltagsbegleitern, jede Berufsgruppe im arbeitsbedingten Zeitrahmen
  • die kognitive Leistungsfähigkeit und alltagsrelevante Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben so lange wie möglich aufrechtzuerhalten
  • das Gedächtnis zu stimulieren
  • alltagspraktische und soziale Fähigkeiten zu fördern
  • neuropsychiatrische Symptome zu lindern
  • körperliche Fertigkeiten zu stabilisieren, damit das Selbstwertgefühl zu stärken
  • das allgemeine Wohlbefinden zu steigern und die Lebensqualität zu verbessern
  1. nichtmedikamentöse Verfahren – Aufgabengebiet auch von Pflegekräften, jede Berufsgruppe im arbeitsbedingten Zeitrahmen
  • Gedächtnistraining, insbesondere Realitätsorientierung
  • Des Weiteren Reminiszenzverfahren (Förderung der Fähigkeiten des Langzeitgedächtnisses), Biografiearbeit ist dabei die bekannteste Betreuungsform
  • Ergotherapie und Logopädie, Einzelförderung
  • Künstlerische Therapien wie Musik-, Kunst- und Tanztherapie
  • Basale und sensorische Verfahren wie Aromatherapie, Snoezelen, Massage/Berührung und Lichttherapie
  • gute Ideen und Hilfsmittel finden sich hier 37°
  • Bewegungs- und Physiotherapie
  • Verhaltenstraining
  • Schließlich Angehörigentraining und -unterstützung (allgemeine Beratung, Information und Kurse sowie regionale Hilfsangebote/Leistungen für betreuende Personen und Angehörige)

Stärkung der inneren Haltung – Verhaltensregeln bei Stereotypien und Gefühls-Kontrollverlust der Bewohner

4 Grundsätze helfen:

  1. Verstehenshypothese steht im Vordergrund, Ermitteln welches Gefühl steht hinter dem Verhalten?
  2. Gefühle erkennen, abfragen und akzeptieren
  3. Gefühle von außen betrachtet nie verstärken oder abschwächen
  4. Keine Konfrontation, keine Verhaltenskorrektur
  • in diesem Sinne: Cool bleiben und nicht aufregen, eher den Kontakt angemessen verlassen und einen neuen Versuch starten
  • Verstehenshypothese, wie im Expertenstandard Beziehungsgestaltung zu Menschen mit Demenz empfohlen
  • Verstehen lernen
  • Geborgenheit und Sicherheit vermitteln
  • Tagesstruktur aufbauen und einhalten
  • Kränkungen vermeiden, demente Menschen sind sehr klar in ihrer emotionalen Wahrnehmung und spüren intuitiv, wer es gut meint
  • außerdem gilt: nie aufregen, Vorwürfe machen, energisch zureden, „bestrafen“, nie erwarten dass der demente Mensch „es lernt“, Nein – wird er nicht mehr

Medikamentöse Optionen bei mittelschwerer bis schwerer Demenz, ärztliche Delegationsverantwortung

  • Die gute Zusammenarbeit mit einem Arzt hängt ab von guter Krankenbeobachtung und exakter Dokumentation, damit der Arzt überhaupt eine passende Medikation in Erwägung ziehen kann
  • Entsprechend ist die gängige Alternative wenn es suboptimal läuft: der Arzt verordnet z.B. Tavor und dokumentiert ungenügend die Indikation zur Bedarfsmedikation – der Klassiker, der häufig zu lesen ist „bei Unruhe“.
    • Dadurch übergibt er dem Pflegepersonal die therapeutische Entscheidung zur Definition Unruhe. Infolge ist der Bewohner sediert und lautiert auch nicht mehr. Doch ist die Medikamentenwirkung verklungen, geht es in die nächste Runde. Letztendlich, grundlegend, also kausal ändert sich nichts, weder für den dementen Menschen, noch für die Mitarbeiter.
  • Erfolgversprechend: Ist der Grund der Demenz bekannt bzw. diagnostiziert, stehen für die Behandlung einer mittelschweren bis schweren Demenz Langzeittherapeutika zur Verfügung.

Möchten Sie Ihre Mitarbeiter umfassend zum Thema Stereotypien und Demenz informieren und Fallstudien mit Lösungsmöglichkeiten aufbauen?

 Für die nichtmedikamentösen Verfahren, für die Unterstützung der Betreuungskräfte

  • biete ich viele verschiedene Seminare zur Unterstützung – von Märchentherapie und Biografiearbeit bis Einzelbeschäftigung an Rollstuhl oder Bett bei Wahrnehmungsstörungenzu finden hier.
  • womit kann man demente Menschen noch erreichen? Tolle Ideen finden sich bei Nesteldecken, DayClocks, Icho-Therapieball, Reviva

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 MitarbNeueiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.