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Die Verstehenshypothese – ein Weg in die Welt der Demenz

Verstehenshypothese-Demenz-Expertenstandard

Mit der Verstehenshypothese die Welt der Demenz betreten

Die Arbeit mit Menschen mit Demenz ist eie sehr wichtige Dienstleistung am Menschen. Sie verlangt Geduld, Gelassenheit, Humor und den Willen andere Menschen so zu versorgen, dass jeder Dienst, jeder Kontakt mit dem Gefühl beendet wird, alles Wichtige getan zu haben.

Da Handlungsleitlinien für den Umgang mit Menschen mit Demenz schon lang überfällig waren, bin ich voller Erwartung zum DNQP-Workshop im April 2019 in Osnabrück gewesen. Ich wurde nicht enttäuscht. Im Teil „Arbeitsgruppen“ haben alle die Verstehenshypothese ausprobiert. Dann war der  Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz veröffentlicht.

Auszug aus der ersten Ebene der Strukturkriterien:

S1a Die Pflegefachkraft hat eine person-zentrierte Haltung in der Pflege von Menschen mit Demenz entwickelt.
S1b Die Pflegefachkraft hat das Wissen und die Kompetenz, Menschen mit Demenz zu identifizieren und damit einhergehende Unterstützungsbedarfe in der Beziehungsgestaltung fachlich einzuschätzen.
S1c Die Einrichtung fördert und unterstützt eine person-zentrierte Haltung für eine die Beziehung fördernde und gestaltende Pflege von Menschen mit Demenz sowie ihren Angehörigen und sorgt für eine personzentrierte Pflegeorganisation.

Damit ist im Prinzip schon alles gesagt, was im Rahmen des Expertenstandards geschehen soll.

Die Verstehenshypothese ist ein sehr gutes Mittel sowohl für den Einzelkontakt, als auch im Team. Davon bin ich überzeugt, denn seit April 2019 nutze ich die Verstehenshypothese als Mittel im Seminar, um Mitarbeitern den Zugang zum Menschen mit Demenz zu erleichtern – und es klappt.

Aufbau einer Verstehenshypothese

Definition von Hypothese:

  • Im alltäglichen Sprachgebrauch i.d.R. Bezeichnung für ungeprüfte Spekulation
  • Gegenteil von sicherem Wissen
  • Im erfahrungswissenschaftlichen Sinn Vermutung über strukturelle Eigenschaften der Realität (Gabler Wirtschaftslexikon)

Definition von Verstehens- oder Deutungshypothese:

  • Ist die (angenommene) Analyse des Verhaltens, der Wünsche, der inneren Antriebe eines dementen Menschen
    • zum besseren Verständnis für seine und eigene emotionale Reaktionen
    • zur besseren Interpretation für eigene Handlungsplanung
    • für mehr Klarheit in der Teamkommunikation für Handlungsleitlinien

Und wie gehen wir vor?

  • ein möglichst großes Team – interdisziplinär – hört sich die Fallstudie an
  • jeder denkt kurz nach, welches Motiv hinter diesem Verhalten versteckt sein kann, denn einen Grund gibt es immer, wir müssen ihn nur finden
  • jede(r) gibt seine Einschätzung – querdenken ist wichtig – und wichtig ist auch, dass jeder etwas beiträgt, „ich weiß es nicht“ oder „ich schließe mich an“ hilft nicht
  • das Motiv, das am ehesten zutreffen kann, wird weiter verfolgt und durch Krankenbeobachtung im Team in den nächsten Tagen überprüft
  • oder eine Lösung, die sich auftut (wie in meinem Beispiel) wird ausprobiert
  • alles wird dokumentiert und für die nächste Teambesprechung vorbereitet

Verstehenshypothese – ein Beispiel:

Dieses Beispiel kennen einige meiner Teilnehmer. Weil ich es so treffend finde, nutze ich es manchmal im Seminar.

Eine alte Dame, eine unruhige Wanderin, die im Flur der Einrichtung vor sich hinmurmelnd suchend auf und abhuscht, wird häufig von den anderen BewohnerInnen beschimpft. An einem Vormittag, kurz vor dem Mittagessen setzt sie sich auf die Kante eines Stuhls im Speisesaal und fängt an zu zählen. Mit den Fingern im Zeigestatus durchpflügt sie die Luft „2-3-5-8“, schüttelt die Hand ärgerlich wegwerfend und fängt wieder an zu zählen, ihre Spannung steigt, die Stimme wird lauter. Nun haben die anderen Bewohner erst recht einen Grund, auf sie ärgerlich zu sein. Dieses Verhalten zeigte sie ab dann an jedem späten Vormittag.

Mitarbeiter, die mit der Verstehenshypothese schon gearbeitet haben, leiten die Kollegen an und alle arbeiten am Motiv für dieses Verhalten – erfolglos.

Dann wird die Tochter der alten Dame zu Rate gezogen und sie hat eine Idee: ihre Mutter hatte als junge Frau auf einem Bauernhof geholfen und kurz vor der Mittagspause war ihre Aufgabe gewesen, die geschlüpften Küken zu zählen.

Das wurde als Verstehenshypothese genutzt und ausprobiert.

  • Die Betreuungskräfte besorgten kleine gelbe Ostereier-Plüschküken und packten die in einen Korb. Wurde die alte Dame am späten Vormittag unruhig, wurde sie an einen Tisch begleitet, ohne Kommentar, nur mit einem freundlichen auffordernden Lächeln, der Korb voll Plüschküken vor sie platziert und ??? Es klappte, sie räumte aus und ein, schaute die Küken an, sortierte und blieb ruhig.

Ich hoffe sehr, Sie finden auch solch ein Beispiel mit Lösung. Manchmal finden wir in den Seminaren schnelle Lösungen, manchmal dauert es – oder mehrere Möglichkeiten tun sich auf, die priorisiert werden müssen.

Verstehenshypothese und Kommunikation

Wenn das Team die Motivation für das Verhalten verstanden hat, geht es darum, mit dementen Menschen so zu kommunizieren, dass ein positiver Ausgang möglich ist:

  • Einfache Sprache: Verwenden Sie kurze Sätze und vermeiden Sie komplizierte Ausdrücke. Demente Menschen haben Schwierigkeiten, komplexe Informationen zu verarbeiten und zu verstehen.
  • Langsames Sprechtempo: Sprechen Sie in einem ruhigen und klaren Tempo, damit der demente Mensch Ihnen folgen kann.
  • Körpersprache: Verwenden Sie nonverbale Signale wie Gestik und Mimik, um Ihre Aussagen zu unterstützen und die Aufmerksamkeit des dementen Menschen aufrechtzuerhalten.
  • Geduld: Lassen Sie dem dementen Menschen Zeit, um Ihre Aussagen zu verarbeiten und zu antworten. Warten Sie geduldig auf eine Reaktion und vermeiden Sie es, den dementen Menschen unter Druck zu setzen.
  • Wiederholungen: Wiederholen Sie wichtige Informationen und Fragen, um sicherzustellen, dass der demente Mensch sie verstanden hat.
  • Offene Fragen: Vermeiden Sie geschlossene Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. Stellen Sie offene Fragen, die den dementen Menschen ermutigen, ausführlichere Antworten zu geben.
  • Verständnisvoller Ton: Zeigen Sie Verständnis und Empathie gegenüber dem dementen Menschen. Vermeiden Sie es, den dementen Menschen zu korrigieren oder zu kritisieren, wenn er sich nicht verständlich ausdrücken kann.

Zusammenfassend kann ich sagen: Die Verstehenshypothese ist eine sehr wichtige Strategie, um mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren.

Meine Seminare:

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 Mitarbeiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.
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