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Basales Aktivieren planen – wenn das gesprochene Wort nicht mehr wichtig ist

Basal aktivieren

Umdenken zur Kommunikation auf allen Ebenen – basal Aktivieren bei Wahrnehmungsstörungen

Pflege- und Betreuungskräfte in der Versorgung chronisch kranker Menschen kennen die sprichwörtliche Sprachlosigkeit im Alltag. Dieser Moment, in dem das gesprochene Wort nicht mehr wichtig ist, kommt bei vielen Erkrankungen früher oder später und macht im Pflegealltag sprach- und manchmal auch hilflos.

Werde ich zu diesem Thema für ein Seminar gebeten, finde ich häufig folgende Situation: Schweigen bei der pflegerischen Versorgung bei Pflegekräften und Ratlosigkeit bei der Wahl der Einzelbeschäftigung bei Betreuungskräften und Alltagsbegleiter.

Welche Menschen profitieren von der basalen Aktivierung?

Menschen mit Demenz, eine große Gruppe bei der Planung von Interventionen. Bei einer weiteren Auswahl von chronischen Erkrankungen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ist basales Aktivieren der Weg zum Betreuten: Morbus Parkinson, Altersschizophrenie, schwerst mehrfach beeinträchtigte Patienten/Bewohner durch Apoplex (Schlaganfall), bei komatösen Zuständen, apallischem Sydrom („Wachkoma“), Schädel-Hirn-Trauma und nicht zuletzt Menschen die sich im Rückzug befinden und das Bett nicht mehr verlassen.

Wie finde ich nun den Zugang zum innersten Kern des Menschen?

Prof. Böhm hat den Grundsatz geprägt „Bewege die Seele, dann bewegt sich der Körper“. Bei Menschen mit Demenz, die mit ihren Emotionen sehr unmittelbar umgehen, lässt sich dieser Grundsatz sehr gut sehen, denn ist die Seele nicht bewegt, gibt es keine Reaktion bzw. kommt ein gesetzter Reiz nicht an.

Die anatomisch-physiologische Antwort liegt in einem der ältesten Strukturen unseres Großhirns, dem limbischen System, dem Platz unserer Emotionen.

Weitere Leistungen, die dem limbischen System zugeschrieben werden sind: die Steuerung der Funktionen von Antrieb, Lernen, Gedächtnis sowie vegetative Regulation der Nahrungsaufnahme, Verdauung und Fortpflanzung.

Im limbischen System liegen all unsere Emotionen verborgen?

Ja, mehr noch: durch gezieltes Ansprechen, können wir Menschen, die verbal nicht mehr kommunizieren können, darüber sehr gut erreichen.

Zitat aus einem Buch „Psychologie für den Lehrberuf“ (Detlev Urhahne, 2019):

In unserer Alltagssprache zeichnet sich ein interessantes Phänomen ab, allen Emotionen scheinen in ihrer Tiefe eine Gemeinsamkeit zu haben. Dieser Gemeinsamkeit kommt man auf die Spur, wenn man sich klar macht, dass es in Bezug auf Verhalten zwei verschiedene basale Systeme gibt, die zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens einen bestimmten Aktivierungsgrad aufweisen, ein Annäherungssystem und ein Vermeidungssystem.

Treffen wir auf einen Reiz, werden beide Systeme angesprochen mit der Frage zur inneren Haltung „ist das Ereignis relevant“ und „welches System muss ich aktivieren“.

Diese tiefe innere Entscheidung läuft meist unbewusst und häufig spontan ab.

Unser Ziel ist das Erreichen von „Das Ereignis ist relevant“

So wird bei der Planung und Vorbereitung von basalem Aktivieren diese Entscheidung angesprochen. Mit guter Krankenbeobachtung von Mimik, kleinsten Bewegungen, Körperspannung/-entspannung, Augenbewegungen ggf. auch an einem Augenlidschlag zum richtigen Zeitpunkt können wir die Antwort des anderen gut erkennen.

Den Menschen in seinem innersten Kern treffen – das ist das Ziel der basalen Aktivierung

Für die basale Aktivierung wollen wir also die Reaktion erreichen „das Ereignis ist relevant“ und wir sprechen das Annäherungssystem an. Der nächste Schritt zum Kern des anderen ist zu erkennen „welches System muss ich aktivieren“ d.h. auf welcher Ebene antwortet mir der/die Betreute. Das dauert jedoch und erfordert von allen das Einlassen auf bestimmte, oft unorthodoxe Kommunikationswege.

Basale Aktivierung vs. Basale Stimulation

  • Schon in der 1970er Jahren entwickelte Andreas Fröhlich ein Kommunikationskonzept und nannte es „Basale Stimulation“. Basale Stimulation ist Fachkräften vorbehalten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, ex. Pflegekräften, Ärzten und anderen Therapeuten.
  • Basales Aktivieren ist ein Kommunikationsmittel für alle Mitarbeiter eines Pflege- und Betreuungsteams.

Betreuungskräfte und Alltagsbegleiter gibt es seit 2017 nach § 43b SGB XI zur zusätzlichen Betreuung aller Pflegebedürftige in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen nach Maßgabe von §§ 84 Abs. 8 und 85 Abs. 8 SGB XI. Auf der Ebene der Betreuung und Alltagsbegleitung eine Entlastung für die Pflege

Was wählen wir aus für das Basale Aktivieren?

Die kurze Antwort: Alles, was den tiefen Kern eines Menschen trifft, positive Zustimmung erkennen lässt und zustimmende Emotionen mobilisiert.

Eine (kleine) Auswahl – sortiert nach Aktivitätsmöglichkeiten:

  • Wind und Wettergruppe, das Draußen-unterwegs-sein schafft gute Gelegenheiten, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und spontane Begegnungen zu machen oder auch den Wind auf der Haut spüren. So kenne ich ein Hospiz, das Steckplätze für die Versorgungseinheiten von Intensivbetten auf der Terrasse in Richtung Wald hat – Gäste im letzten Lebensabschnitt können so in der Natur sein
  • Kreativgruppen fördern die Freude am kreativen Arbeiten, Mobilisieren der Ressourcen und die Förderung von Fein- und Grobmotorik – Steigerung der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Gesangs- und Rhythmusgruppen für die Vibration im Körper. Alle Möglichkeiten von Biografiearbeit mit Märchentherapie, bewegt fast jede Seele im höheren Alter. Die Planung für solche Interventionen ist für Menschen, die noch teilweise verbal kommunizieren können, sich am Stolz auf eine Zielerreichung erfreuen können.
  • Körpererfahrung als eine non-verbale Kommunikationsform. Dazu gibt es einen Snoezelraum mit Wasserbett/Massagesessel oder einen Szoezelen-Wagen mit Lichterschlauch, Blubbersäule, Aromaölen für die Raumbeduftung, Musikanlage und Beamer, sowie eine Klangecke mit verschiedenen Klangschalen und diversen Kleininstrumenten. Mein schönes Beispiel dafür ist eine Pflegeeinrichtung im Kiefernwald, die zwischen zwei Bäumen einen riesigen Gong hängen hat – 1 m Abstand und der Ton des Gongs erreicht den Körper auf wundersame Weise.

Zugangswege zur Körpererfahrung sind Vibration, taktil-haptische Empfindung, Hören und Sehen und – wir denken auch an die Maslow-Pyramide – Geruch und Geschmack.

Ein weiterer Aspekt verdient Beachtung: Berührung mit den Händen … wie berühre ich zu Pflegende oder zu Betreuende, was „sage“ ich mit meinen Händen?

In meinen Tagesveranstaltungen zum Thema „Basales Aktivieren“ findet jeder Aspekt Beachtung.

Verschiedene Zugangswege stehen zur Wahl:

Hinweis der Dozentin: Jeden Beitrag habe ich gemäß meiner Erfahrung und meines Wissens geschrieben. Seit 23 Jahren sehe ich in meinen Seminaren als Dozentin für Pflegeberufe jährlich >1500 Mitarbeiter. Für Stammkunden – teilweise über Jahre – arbeite ich an den Konzepten der Mitarbeiterentwicklung mit. Aus diesem Blickwinkel sind meine Beiträge entstanden und das Angebot meines Wissens. Manche Vereinfachung von Sachverhalten, auch kleinere Unschärfen gehen an die Kürze und leichte Verständlichkeit der Berichte. Ein Blick in meine Seminarausschreibungen geben mehr und genauere Informationen, mehr noch in den Seminaren selbst. Andere Berufsgruppen in der Bewohner- und Patientenversorgung mögen eine unterschiedliche Sichtweise haben, die ich schätze und auch gerne für beide Seiten bereichernd diskutiere. Schreiben Sie an info@horvath-pflege.com.